
Vize-Weltmeister 2018, WM-Dritter 2022 – und trotzdem reist Kroatien 2026 erneut als Außenseiter an. Die Buchmacher führen die Mannschaft von Zlatko Dalić weit hinter den Topfavoriten, einige Experten sehen sie sogar als Enttäuschungskandidaten. Doch ausgerechnet bei den letzten beiden Turnieren wurde Kroatien vorab ebenfalls unterschätzt – und stürmte zweimal unter die besten Drei. Wir analysieren, ob die Skepsis diesmal berechtigt ist oder ob der Markt denselben Fehler wiederholt.
Die Ausgangslage: ewig unterschätzt, ewig erfolgreich
Kroatien ist das Paradebeispiel einer Turniermannschaft, die ihre Papierform regelmäßig übertrifft. 2018 stürmten die Vatreni bis ins Finale, 2022 holten sie Platz drei – beide Male, ohne vorab zum Favoritenkreis zu zählen. Die Qualifikation für 2026 verlief makellos: sieben Siege und ein Remis aus acht Spielen, Torverhältnis 26:4. Trotzdem handeln die Buchmacher das Team mit einer sehr hohen Titelquote und ordnen es in eine Kategorie mit Mannschaften wie Mexiko, der Schweiz oder der Türkei ein.
In Gruppe L trifft Kroatien auf England, Ghana und Panama. England ist klarer Gruppenfavorit, dahinter gilt Kroatien als die nominell zweite Kraft – Ghana und Panama sind Gegner, die man aber nicht unterschätzen sollte. Das Auftaktspiel gegen England am 17. Juni in Dallas ist richtungsweisend für die Frage, ob es Platz eins oder zwei wird. Bezeichnend: Trainer Dalić hat angekündigt, gegen England defensiver mit einer Dreierkette zu spielen und erst gegen Ghana und Panama offensiver aufzutreten – ein klarer, realistischer Matchplan.
Die Stärken: Erfahrung, Mittelfeld und Turnier-DNA
Kroatiens größtes Pfund ist ein über Jahre eingespieltes, hochdekoriertes Mittelfeld. Allen voran Kapitän Luka Modrić: Mit 40 Jahren bestreitet er sein zehntes Großturnier, zeigt aber beim AC Milan keinerlei Anzeichen von Verschleiß. Um ihn herum gruppieren sich mit Mateo Kovačić, Mario Pašalić und Nikola Vlašić weitere Schlüsselfiguren des Bronze-Teams von 2022. Diese Zentrale kontrolliert Spiele, hält den Ball und bringt genau die Turnier-Cleverness mit, die in engen K.o.-Spielen den Unterschied macht.
Hinzu kommt eine gefestigte Achse: Mit Joško Gvardiol – nach überstandener Verletzung zurück – steht ein Weltklasse-Innenverteidiger bereit, und im Tor verfügt Kroatien mit Dominik Livaković über einen erwiesenen Elfmeter-Spezialisten, der schon 2022 zum Helden mehrerer Shootouts wurde. Gerade in einem K.o.-Turnier, in dem es oft ins Elfmeterschießen geht, ist das ein unterschätzter Faktor. Die Mischung aus erfahrenen Stützen und einzelnen Talenten wie dem 19-jährigen Luka Vušković gibt Dalić Flexibilität.
Die Schwächen: das Alter und der offene Sturm
Die Kehrseite der ganzen Erfahrung ist das Alter. Modrić (40), Perišić (37) und Kramarić (34) sind herausragende Fußballer, aber über ein Turnier mit potenziell sieben Spielen bei sommerlichen Temperaturen in Nordamerika stellt sich die Frage der Frische. Eine Mannschaft, die ihr Spiel über die Kontrolle im Zentrum aufzieht, ist verwundbar, wenn die Beine in der Schlussphase schwer werden – und Dalić muss die Belastung seiner Ü-35-Stützen klug steuern.
Die zweite Baustelle ist der Sturm. Einen gesetzten Weltklasse-Mittelstürmer hat Kroatien nicht; Kandidaten wie Petar Musa (FC Dallas) oder Ante Budimir sind solide, aber keine Tormaschinen von internationalem Format. Die Tore müssen daher oft aus dem Mittelfeld und über Standards kommen – das funktioniert gegen tief stehende Gegner nicht immer. Auch die jüngsten Testspiele trübten das Bild: Niederlagen gegen Brasilien (1:3) und Belgien (0:2) zeigten, dass gegen Topteams die Lücke spürbar ist.
Wie weit kommt Kroatien? Die Szenarien
Das Erreichen der K.o.-Runde gilt als sehr wahrscheinlich und ist für eine Mannschaft dieser Klasse das Minimalziel. Hinter England dürfte Platz zwei in Gruppe L gut machbar sein, zumal das aufgestockte Turnier mit den besten Gruppendritten ein zusätzliches Sicherheitsnetz bietet. Die spannende Frage beginnt danach: Als Gruppenzweiter droht ein anspruchsvoller Weg, der je nach Konstellation früh auf ein Schwergewicht führen kann.
Die Prognose-Modelle ordnen Kroatien klar im Außenseiter-Bereich ein – eine bekannte Datenanalyse (Opta) etwa sieht die Titelchance im niedrigen einstelligen Prozentbereich und das Viertelfinale bei rund 15 Prozent. Solche Modellwerte sind aber genau das, was Kroatien zweimal in Folge widerlegt hat. Realistisch ist das Achtelfinale das wahrscheinlichste Etappenziel; alles ab dem Viertelfinale wäre eine Überraschung – aber eine, die dieser Mannschaft historisch zuzutrauen ist.
Unsere Bewertung
Kroatien ist der lebende Beweis, dass Turniererfolg mehr ist als die Summe der Einzelquoten. Das Mittelfeld ist auf Weltniveau, die K.o.-Erfahrung beispiellos, und mit Modrić steht ein Ausnahmespieler an der Spitze, der bei Milan zeigt, dass das Alter nur eine Zahl ist. Das macht die Vatreni zu einem Gegner, den niemand im K.o.-Baum sehen will – und der Markt unterschätzt diese Turnier-DNA möglicherweise erneut.
Die ehrliche Gegenrechnung: Diesmal sind die Schlüsselspieler noch ein, zwei Jahre älter, der Sturm ist dünn, und die Test-Niederlagen gegen Brasilien und Belgien waren ein Warnsignal. Ein dritter tiefer Run in Folge wäre eine außergewöhnliche Leistung, kein Normalfall. Unsere Einordnung: Kroatien ist stärker, als die hohen Quoten suggerieren – aber die goldene Generation läuft auf Reserve, und das Achtelfinale ist die realistische Decke, mit Aufwärtspotenzial bei gutem Verlauf.
Handlungsempfehlung
Für die Einordnung – auch aus Wett-Perspektive – leiten wir drei Punkte ab:
- Den Markt nicht blind kopieren, aber auch nicht überkorrigieren. Die hohe Titelquote spiegelt reale Schwächen (Alter, Sturm). Wer aus der Historie ableitet, dass Kroatien automatisch wieder weit kommt, überschätzt eine alternde Achse. Die Wahrheit liegt zwischen Markt-Skepsis und Turnier-Romantik.
- Das Auftaktspiel gegen England ist der Gradmesser. Dalićs defensiver Matchplan macht ein enges, torarmes Spiel wahrscheinlich. Wer dieses Duell einschätzt, sollte die kroatische Kontroll-Idee und die Tormarkt-Tendenz im Blick haben statt eines offenen Schlagabtauschs.
- K.o.-Faktor Elfmeterschießen mitdenken. Mit Livaković im Tor und der Turniererfahrung ist Kroatien in engen Spielen und Shootouts überdurchschnittlich stark – ein qualitativer Faktor, der in reinen Vorab-Quoten kaum abgebildet ist, aber im K.o.-Modus zählt.
Kurz: Kroatien ist kein Titelkandidat, aber ein klassischer Stolperstein für die Favoriten – die ehrliche Erwartung endet beim Achtel-, womöglich Viertelfinale, mit der bekannten kroatischen Hintertür nach oben.
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Quellen: UEFA, FIFA, kicker, Eurosport, Goal, eigene Recherche und Analyse (Stand 13.06.2026). Quoten ohne Gewähr.

